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 Die zwei Richtungen

Sechster Vortrag, welcher vom Meister

Vor der Jugendokkultklasse in Sofia

am Mittwoch den 04.April 1922 um 19 Uhr gehalten worde ist

Stilles Gebet

Wenn ihr in die Natur hinausgeht und die Bäume betrachtet, werdet ihr feststellen können, dass alle Schösslinge perpendikulär aufwärts wachsen und dass die Äste gerade sind. Wie lage bleibt das so? Solange die Bäume noch jung sind. Wenn sie alt zu werden beginnen, dann biegen sich die Äste nach unten. Aus welchem Grund recken sich die Äste der jungen Bäume nach oben? Die Ursache liegt darin, dass sie als junge Bäume zum Zentrum der Sonne streben. Diese Bestrebung veranlasst die Äste aufwärts zu wachsen und gerade zu bleiben. Wenn sie alt zu werden beginnen, dann wenden die Bäume ihren Blick nach unten, zum Zentrum der Erde, infolge dessen die Äste sich auch beugen und herunterhängen. Gleichzeitig mit dem Altern, werden die Bäume auch schwerer. Dieses Gesetz kann man auch im Leben der Menschen prüfen. So geht der junge Mensch aufrecht. Wenn er ein bestimmtes Alter erreicht hat wird er, wie die alten Bäume, ein Materialist und beginnt sich zu beugen. In dieser Haltung fängt er an, an das Zentrum der Erde zu denken und seinen Tod zu erwarten. Der Tod ist nichts anderes, als eine Hinwendung des menschlichen Denkens zum Zentrum der Erde.

Es gibt also zwei Richtungen, zwei Strömungen, auf denen man sich bewegen kann.: entweder hinauf, zum Zentrum der Sonne oder hinunter, zum Zentrum der Erde. Die Schule in der ihr studiert, verfügt über Methoden, durch welche die Schüler diese Strömungen untereinander verwandeln können. Wenn ihr diese Methoden zum Verändern der Strömungen nicht erlernt, dann könnt ihr keine Schüler sein. So ist zum Beispiel die andauernd schlechte Laune den alten oder den schlechten Menschen zu eigen. Die gute Stimmung ist den guten und den jungen Menschen eigen. Wenn man hier von Alten und Jungen spricht, versteht das Wort “alt” in symbolischem Sinn. Das Wort “alt” bedeutet hier also eine Gewohnheit. Alt ist derjenige, der beständig jene Gewohnheiten zum Ausdruck bringt, welche ein Streben zum Zentrum der Erde anzeigen. Es gibt nichts Schlechtes im Streben der Menschen zum Zentrum der Erde, sondern nur darin, dass dieses Streben unbewusst ist. Der Bergmann geht bewusst in die Grube, weil er das Ziel hat, Gold oder Edelsteine zu entnehmen und sie an die Oberfläche zu bringen. Die Lage desjenigen aber, welcher aus versehen rutscht und der in einen Graben fällt, ist nicht vergleichbar mit der des Bergmanns. Der Bergmann steigt bewusst in die Grube hinunter und der aus versehen Gefallene landet unbeabsichtigt im Graben und leidet, weil er sich irgendwo stark gestossen hat.

Nachdem ihr jetzt in die Schule gekommen seid, denkt über alles nach, was euch während des Tages passiert und lernt daraus. Stellt euch zum Beispiel die Frage, weshalb eure Stimmung so schnell wechselt. Beobachtet gleichzeitig im Verlauf einer Woche, wie oft täglich eure Stimmung wechselt, um eine Vorstellung von euch selbst zu bekommen. Notiert das alles in einem Heft. Schreibt nur über die beträchtlichen Wechsel in eurem Zustand. In der zweiten Woche notiert euren Zustand morgens, nach dem Aufstehen, mittags und abends vor dem Schlafengehen. Notiert euch auch die Uhrzeit und das Wetter, ob es schön oder schlecht, sonnig oder nebelig ist bei eurer ersten morgentlichen Verfassung und dann die Uhrzeit und das Wetter beim Wechsel des Zustandes. Beginnt mit der ersten Übung am Sonntag, indem ihr nur die Wechsel in eurer Verfassung notiert, ohne nach den Ursachen für ihren Wechsel zu suchen. Die Ursachen für diese Veränderungen sind nämlich fern von euch. Ihr werdet nur gewahr, dass es eine Veränderung gibt, aber weshalb und wozu, das wisst ihr nicht. Es gibt also etwas Tieferes als das Wechselhafte. Ihr sollt das ergründen, was in euch veränderlich ist, nicht das, was sich nicht verändert. Warum? Weil die Beobachtungen davon gemacht werden, was sich selbst nicht verändert. Diese Verfassung beobachtet die anderen Zustände, während sie selbst unveränderlich bleibt. Auf diese Weise werdet ihr duch eine Reihe von Betrachtungen viele Erfahrungen erwerben. Ihr sollt eure Beobachtungen ruhig und ohne jede Störung machen. Wenn ihr übellaunig seid, könnt ihr schreiben, dass euer Zustand links und oder unter Null ist. Wenn ihr guter Stimmung seid, befindet ihr euch rechts und über null. Alle unangenehmen Zustände sind links und stellen eine Bewegung zu den Wurzeln hinunter, zum Zentrum der Erde dar. Alle angenehmen Zustände sind rechts und stellen eine Bewegung zu den Ästen hinauf, zum Zentrum der Sonne dar. Es ist gut, dass ihr auch Notizen über das Wetter macht, um sehen zu können, was für einen Einfluss es auf die Verfassung des Menschen hat.

Ihr sollt euch also selbst beobachten, ohne zu kritisieren. Die Kritik ist nichts anderes als ein Nagen. Das Nagen ist aber eine Eigenschaft der Raupen. In diesem Sinne nennen wir die Kritiker psychologische Raupen. Ihr sollt euch selbst beobachten, die Veränderungen feststellen und sie ohne jede Kritik notieren. Wenn ihr einen eurer Fehler seht, dann sagt ihr:”Ich bin ein schlechter Mensch.” Indem ihr soetwas sagt, macht ihr noch einen Fehler. Der erste Fehler bestand darin, was ihr gemacht, aber schon berichtigt habt. Der zweite Fehler besteht in der Kritik. Wenn du also einen Fehler machst, pack an, um ihn zu berichtigen. Und das, dass du ein schlechter Mensch bist, das ist eine Kapuze. Es geht auch ohne sie. Wenn du nun sagst, dass du ein guter Mensch bist, so ist das eine weitere Kapuze.

Der Schüler der okkulten Schule soll arbeiten, ohne ein Lob zu erwarten. Wenn man ihn von der einen Seite lobt und von der anderen Seite Vorwürfe macht, wird ihm das überhaupt nicht helfen. Die Vorwürfe und das Lob sind für die Kinder. Bei ihnen sind sie am richtigen Platz. Wann lobt man und wirft den Schülern etwas vor? Zu dieser Frage, vom Lob und von den Vorwürfen, habe ich einen streng bestimmten Gedanken.Und zwar folgenden: Der Mensch darf seine Meinung über ein Bild nicht zum Ausdruck bringen, solange es noch nicht fertig ist. Wenn ihr nur den Plan und die Skizze seht, welche der Maler entworfen hat, werdet ihr lachen und sagen:”Was für eine kindische Arbeit.” Wenn ihr das selbe Bild dann im abgeschlossenen Zustand seht, sagt ihr:”Ein wirklich ausgezeichnetes Bild!”

Also, ihr werdet über ein und dasselbe Bild verschiedene Meinungen haben. Deshalb soll der Mensch Geduld haben und warten, bis das Bild fertig ist. Danach erst kann er seine Meinung abgeben. Bringt eure Meinung über niemanden zum Ausdruck, bevor er seine Arbeit nicht zu Ende geführt hat. Das heisst niemanden zu kritisieren. In der richtigen menschlichen Rede, im richtigen Denken, ist die Kritik ausgeschlossen.

Ich frage, mit welchen Worten hat die menschliche Sprache angefangen? Zuerst sind die Konjunktionen erschienen, dann die Verben, die Pronomen und zuletzt die Substantive. Dass das so ist, können wir an einem Menschen überprüfen, der einen starken Schlag auf den Kopf bekommen hat und der infolge dessen seine Sprech- fähigkeit verliert. Zuerst verliert er die Fähigkeit, die Substantive auszusprechen, danach die Pronomen, die Verben und zum Schluss die Konjunktionen. Die Sprechfähigkeit der Konjunktionen geht kaum verloren. Selbst beim stärksten Schlag auf den Kopf, bewahrt der Mensch seine Fähigkeit, Konjunktionen auszu -sprechen. Sie bestehen auch bei den Tieren, welche keine Sprache haben. Wir sagen zum Beispiel, dass die Schlange zischt. Auf bulgarisch gibt die Schlange den Laut: sss von sich, welcher dem Anfangsbuchstaben des Wortes Konjunktion entspricht. Damit will sie dem Menschen sagen, dass seine Redefähigkeit mit den Konjunkti -onen begonnen hat.

Für das nächste Mal schreibt alle jeweils ein Wort auf. Es soll jedoch kein beliebiges Wort sein. Jeder soll je ein harmonisches Wort aufschreiben, welches er liebt, so dass, wenn er es ausspricht, er sich wohlfühlt. Es ist dabei erwünscht, dass sich die Wörter nicht wiederholen. Die Worte:“Liebe, Gutes, Böses, Recht, Schön -heit”- und ähnliche, sollt ihr nicht schreiben, weil sie sehr oft verwendet werden. Ihr könnt verschiedene Wörter schreiben: Verben, Substantive, Adjektive, Pronomen. Sie sollen nur eine Idee ausdrücken. Danach werden wir einen Versuch machen, aus den geschriebenen Wörtern einen Satz zu bilden. Auf diese Weise werden wir verstehen, bis zu welchem Grad ihr euch harmonisiert habt und in welche Richtung ihr geht – nach links, oder nach rechts. Das wird die erste Prüfung sein, nach der wir die Richtung eurer Bewegung mit einer Reihe neuer, erhabener Ideen bereichern. Wenn ihr die Symbole der Natur zu verstehen beginnt, werdet ihr sie lesen und euch mit neuen Kenntnissen bereichern. Ihr geht auf einen Ausflug ins Gebirge, habt aber kein Buch mitgenommen. Wenn ihr von der Natur nicht lesen könnt, werdet ihr euch langweilen. Wenn ihr lesen könnt, werdet ihr euren Blick einmal auf einem Felsen, einmal auf eine Quelle richten und ihr werdet euch gut beschäftigen, ihr werdet lernen. Wer das Leben und die Natur nicht versteht, der wird sich überall und in allem langweilen.

So dass es besser ist, euch mit den Werken eines grossen Dichters, Musikers oder Malers zu beschäftigen, als euch zu langweilen.

Stilles Gebet

Der Meister grüsst mit den Worten:”Ohne Angst!”

Die Schüler antworten:”Ohne Dunkelheit!”

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