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 Pharisäer und Zöllner

Ein Vortrag, gehalten vom Meister am 5. Oktober (nach dem Julianischen Kalender) 1914 in Sofia

"Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner." Lukas 18,10[1]

Sicherlich werdet ihr fragen, was daran so merkwürdig sei, dass zwei Menschen, ein Pharisäer und ein Zöllner in den Tempel eingetreten sind! Für Leute, die die Dinge verstehen, gibt es hier nichts Merkwürdiges, doch für Menschen, die sie nicht begreifen, ist alles merkwürdig. Für Menschen, die verstehen, hat alles einen Sinn, doch für jene, die nicht begreifen, ist alles sinnlos.

Ich mache nun diese zwei Menschen, den Pharisäer und den Zöllner zum Gegenstand meines heutigen Vortrags. Diese beiden Personen sind wichtige Vertreter einer uralten Kultur. Lasst mich ihre charakteristischen Züge parallel vergleichen, damit ihr eine klare Vorstellung von ihrer Lebensweise und ihrem geistigen Charakter bekommt.

Das Wort Pharisäer stammt vom hebräischen Wort parasch ab, welches "teilen" bedeutet. Außerdem gibt es ein arabisches Wort farsi, das aus derselben Wurzel stammt und etwas "in Form einwandfreies" bedeutet; zum Beispiel eine Sprache "farsi" zu können bedeutet, sie sehr gut zu beherrschen. Christus stellt in diesem Kapitel zwei Charaktertypen vor. Ein begabter Maler, der sich in der Menschenkunde auskennt, würde diese zwei Typen mit all ihren charakteristischen Zügen malen und es würde sich lohnen, dieses gelungene Bild in jedem Haus als Muster zu besitzen. Welche augenfälligen Züge hat der Pharisäer und welche der Zöllner? Es reicht nicht zu sagen: "Er ist ein Pharisäer" oder "er ist ein Zöllner", sondern wir müssen die äußeren Merkmale ihrer Gesichter, ihrer Hände, ihres Körperbaus sowie den Aufbau ihres Kopfes kennen. Ferner müssen wir zu den Besonderheiten ihrer geistigen Einstellungen gelangen. Nur so können wir uns, die für uns im Text eingeschlossene Idee, erklären und von ihr Gebrauch machen. Christus war ein großer Künstler, er gab diesen zwei Charakteren typische Züge und nach ihnen werde ich nun den Pharisäer und Zöllner beschreiben.

Doch ihr werdet sagen: "Wie können Sie einen Menschen nur nach den paar Worten, die über ihn gesagt wurden, beschreiben?" Das ist eine Wissenschaft, das kann man. Es gibt gelehrte Menschen, die sich lange Zeit mit vergleichender Anatomie beschäftigt und den Aufbau der Tiere sehr gut studiert haben. Wenn man ihnen den kleinsten Teil eines vorsintflutlichen Tiers gibt, so könnten sie euch seine Größe beschreiben, alle seine Knochen vergleichen, seine Muskeln und Sehnen rekonstruieren und auf diese Weise die verschwundene Form wiederherstellen. Wenn ihr einem erfahrenen Botaniker auch nur ein Blatt von einer Pflanze gebt, so wäre er wohl imstande euch den ganzen Baum zu beschreiben. Auf der Grundlage desselben Gesetzes bemühe ich mich, euch den Pharisäer und den Zöllner einigermaßen zu beschreiben und zu zeigen, wie sie sind.

Ihr aber meint: "Was haben diese beiden, die vor zweitausend Jahren lebten, gemeinsam?" In der Welt leben zwei Typen von Menschen – Zöllner und Pharisäer. Von ihnen stammen viele andere ab, aber sie bleiben die Grundtypen. Ihr könnt zum einen oder zum anderen Typ gehören – egal ob ihr Priester seid oder nicht, ob ihr Adlige seid oder nicht, ob ihr Gelehrte seid oder nicht, ob ihr Philosophen, Männer oder Frauen seid. Diese zwei Charaktere verflechten sich und sind im Leben aller Menschen zu beobachten. Sie bleiben für immer die Charaktertypen in der Menschheitsgeschichte. Die Kunst Christi bestand gerade darin, dass es ihm mit sehr wenigen Worten gelang, sie so anschaulich zu beschreiben und darzustellen.

Die äußere Gestalt des Pharisäers ist dem Anschein nach ganz anständig. Er ist gut aussehend, stattlich, schlank und von hoher Figur – 175 -180 cm, d. h. höher als üblich. Seine Hände und Finger sind länglich, sein Daumen ist lang und symmetrisch, was von konstituierten Ansichten, von Wille und Intelligenz zeugt. Der Zeigefinger hat die gleiche Länge wie der Ringfinger und das bedeutet, dass er eine Idee, sobald sie in ihm aufkommt, maximal in die Tat umsetzt. Sein Verdauungssystem funktioniert gut, im Essen und Trinken ist er mäßig; er hat die Schwächen des Schlemmers und des Weintrinkers nicht, sondern einen feinen Geschmack. Seine Taille ist schmal. Was das Alter betrifft, hat er die vier Jahrzehnte hinter sich und ist ins fünfte eingetreten, d.h. er ist 45 Jahre alt. Seine Schultern sind ein bisschen rundlich, das Gesicht ist wenig länglich und birnenförmig, mit einem entwickelten Nervensystem. Der Unterkiefer ist gleichmäßig geformt und mit einem länglichen und zugespitzten Kinn versehen – das Zeichen eines flexiblen und schnell begreifenden Menschen; der Mund ist weder groß noch klein; die Lippen sind weder dick noch dünn; die Ränder der Mundwinkel sind etwas gehoben mit einem Lächeln der Verachtung – "die Menschen sind eine Masse"; doch er drückt seine Verachtung niemals aus. Die Augen sind aschgrau; die Augenbrauen bogenförmig, etwas gebeugt wie die Äste eines alten Baumes – ein Mensch, der lange lebt und Erfahrung im Leben hat. Die Stirn ist schön, ziemlich hoch, springt über die Nasenwurzel hervor – das Zeichen eines Menschen mit starker Individualität, mit einem aufmerksamen und praktischen Verstand. Die Schläfen sind mittelmäßig entwickelt. Die Ohren sind gleichmäßig geformt und am Kopf anliegend – ein Merkmal materieller Ordnung. Die Haare des Bartes sind etwas spärlich und rötlich – das zeugt von Impuls und Trotz. Der Kopf ist rundlich, der Kopfumfang über den Ohren 56-60 cm; mit stark entwickelter und erhobener Scheitelgegend – das Zeichen eines Menschen mit großer Selbstbeherrschung, Selbstachtung, mit großem Stolz, hohen Ansprüchen und Ruhmsucht. Dieser Mensch besitzt ein religiöses, aber einseitig entwickeltes Gefühl; er kennt die Barmherzigkeit, aber nur sich selbst und seinen Nächsten gegenüber. Das Gesicht ist bleich, weißlich, mit einer griechisch-römischen Nase. Das ist ein Mensch mit ästhetischem Geschmack, aber ohne Poesie und Liebe zur Natur, zum Erhabenen und Idealen. Das ist ein Mensch mit starkem Glauben, aber es ist ein Glaube nur an den eigenen Verstand, und auch mit einer großen Zuversicht, aber einer Zuversicht nur auf die eigene Kraft. Er hat eine Religion, aber er achtet und ehrt in dieser Religion nur sich selbst. Wenn wir seinen Tempel betreten, finden wir an erster Stelle nicht die Gestalt von Jesus Christus sondern sein eigenes Bild und anstelle der Gottesmutter, des Johannes des Täufers und anderer Heiliger befinden sich dort seine Ahnen und Urahnen, denen er Weihrauch abbrennt und an die er Gebete richtet – "ruhmreich und groß ist unser Stamm". Das ist ein intelligenter Mensch, der Lebenserfahrungen sammelt, der mit der hebräischen Kabbala und den Prinzipien der damaligen Zivilisation vertraut ist und wenn er in unserer Zeit lebte, würde er als angesehener Schriftsteller, Philosoph, Künstler, Staatsmann und geistliches Oberhaupt gelten.

Warum stellt Christus diesen Typ dar? Was ist schlecht an seinem Gebet? Beim Pharisäer bemerkt man eine Philosophie, deren Zeit vorüber ist – ein Mensch, der nur mit der Vergangenheit lebt und die Gegenwart und Zukunft versäumt: ein Mensch, der wie ein Mädchen oder ein junger Mann in sein eigenes Porträt verliebt ist und, wo immer er auch hingeht, nur dafür Augen hat. Es ist merkwürdig, wenn man in seine eigene Gestalt verliebt ist!

Einmal beobachtete ich einen bulgarischen Schriftsteller. Er saß in der Öffentlichkeit, neben ihm war ein Spiegel. Er steckte sich eine Zigarette an, drehte sich dann dem Spiegel zu und betrachtete sich dort, als wolle er zu sich sagen: "Ich bin schön, ich beeindrucke die Menschen". Er wird immer wieder rauchen und vor dem Spiegel posieren. Wenn der Spiegel eines Tages zerbricht, wird auch sein Glück zerbrechen.

Der Pharisäer ähnelt diesem in sich verliebten Typ. Und seht nur, wie interessant seine Worte sind, wenn er sich an Gott wendet: "Gott, ich danke Dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, sondern etwas Besseres". Jedoch ist seine Philosophie gerade hier falsch, weil Gott alle Menschen geschaffen hat. "Ich bin nicht wie die anderen Menschen". Und was bist du dann? Bist du ein Engel? Nein. Du bist aus demselben Brei gemacht, und in deinen Adern fließt dasselbe Blut. Er möchte sowohl sich selbst als auch Gott betrügen. Das ist die erste Lüge, die er benutzt. Und Gott sagt zu ihm: "Du sprichst nicht die Wahrheit".

Die Behauptung des Pharisäers ist negativ: Er vergleicht sich nicht mit höheren Wesen, mit den Engeln, sondern mit niederen Typen, mit Verbrechern, dass er nicht wie sie sei. Nehmen wir einmal an, ich würde mich mit den Tieren vergleichen und sagen: "Gott sei Dank, dass ich nicht wie diese Ochsen, Esel, Köter, Eidechsen und Schlangen bin". Wie könnte ich mich mit ihnen vergleichen? Das ist eine Schwäche, die man bei allen Menschen antrifft. Vor Jahren gab es eine gewisse Strömung unter den Gymnasiasten und Studenten in Bulgarien, die sich beim Studium des Lebens großer Schriftsteller, zum Beispiel Shakespeares, deren Mängel zueigen machten, weil sie ihre positiven Eigenschaften nicht besaßen, nach dem Motto: "Mal sehen, vielleicht habe ich die auch?". Und sobald sie diese Mängel bei sich selbst fanden, meinten sie: "Auch ich bin genial wie Shakespeare". Sie untersuchten den Charakter von Schiller, suchten nach einem exzentrischen Zug von ihm, und wenn sie diesen in sich selbst fanden, meinten sie: "Auch ich bin wie Schiller". Indem sie eine ganze Reihe von Schriftstellern studierten, sagten sie: "Wir sind bewunderungswerte Menschen". Ja, bewunderungswert, aber im negativem Sinne; bewunderungswerte Menschen, denen ein Groschen fehlt. Ich bevorzuge einen Menschen, der gar keinen Groschen hat, weil er weder etwas zu nehmen noch etwas zu geben hat.

Auch der Pharisäer macht einen Vergleich und sagt: "Danke dir, Gott, dass ich nicht ein Räuber wie der andere bin". Gott sagt zu ihm: "Wenn ich dich an seinen Platz gestellt hätte, was würdest du dann sein?" Als einst ein Engel vom Himmel sah, wie ein Mensch einen Fehler beging, wandte er sich an Gott und sagte zu ihm: "Wie kannst du diese niedrige Kreatur dulden? Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich die Erde von ihr befreien." Gott schickte den Engel auf die Erde, damit er sich dort inkarniere, und ließ ihn in die gleiche Lage kommen. Und der Engel sündigte zweimal mehr als jener Mensch, den er so scharf verurteilt hatte. Also darf der Mensch von dem Platz aus, auf den er gestellt wurde, nicht die anderen für ihre Taten tadeln, denn an ihrer Stelle würde er genauso handeln.

Zu mir sind viele Menschen gekommen und begannen mit: "Wir sind nicht so schlechte Menschen, wir sind wohlerzogen, weil wir aus einem vornehmen Geschlecht stammen". Ich bezweifle eure Worte nicht, ich glaube tief in meiner Seele an das, was ihr mir sagt. Wir alle stammen aus einem vornehmen Geschlecht – darauf bestehe ich. Aber meine und eure Ahnen und Urahnen sind nicht so edel gewesen wie wir denken; viele von ihnen waren große Taugenichtse, Verbrecher, Übertäter und Gauner. Das Zeugnis, welches Gott ihnen gegeben hat, tragen wir, ihr und ich, mit uns. Die Dinge können äußerlich einigermaßen gut aussehen, aber im Innern haben sie keinen entsprechenden Inhalt. Dass unsere Ahnen und Urahnen nicht so rein gewesen sind wie wir annehmen, davon zeugen jene schlechten Eigenschaften, die wir von ihnen geerbt haben und die wir mindestens zweimal pro Tag zeigen. Wenn deine Großeltern und Eltern rein und gut wie Engel gewesen sind, woher stammen dann diese Züge und schlechten Auftritte in deinem Leben? Wenn ihr einer Flüssigkeit einige bittere Tropfen oder Gift beimischt, so wird sich dies bemerkbar machen und man erkennt, dass dem Guten etwas Böses beigefügt wurde.

Also können wir jene Menschen, die eine Philosophie des Pharisäers haben, konservativ nennen, sozusagen von der konservativen Partei. Das sind Leute mit einer hohen Meinung von sich selbst. Eine hohe Meinung von sich selbst zu haben, ist nicht schlecht, aber nur, wenn sie gerechtfertigt ist und keine bittere Substanz beinhaltet. Der größte Konservator und Regulator in der Natur ist der Stickstoff, der jedes Brennen, jedes Leben erstickt. Der Stickstoff ist das älteste, das am meisten ausgeglichene Element in der Natur. Wenn aber die Natur nur aus ihm bestehen würde, wäre alles tot. Trotzdem verdankt ihm die organische Natur sehr viel...

Der Pharisäer wendet sich nicht an Gott, damit dieser ihm hilft, einige Unebenheiten seines Charakters auszugleichen – nicht im Geringsten. Er dankt nur dafür, dass er nicht wie die anderen Menschen ist: Verleumder, Räuber, Mörder, Ehebrecher. Gerade als Schriftgelehrter und Philosoph müsste er bei den Ursachen verweilen, die Verleumdung, Raub, Mord und Ehebruch hervorrufen. Wenn wir auf Leute treffen, die auf einer niedrigeren Stufe stehen als wir, dürfen wir sie laut Christuslehre nicht in unseren Seelen verurteilen, sondern müssen daraus lernen, müssen die Ursachen ermitteln, die zu dieser miserablen Lage geführt haben. Und sollten wir sie auch in uns finden, müssen wir sie ausrotten. Weil derjenige, der die großen Gesetze des Lebens festgelegt hat, sagt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet". Diese Worte haben einen tieferen Sinn und wer sie begriffen hat, der hat das große Gesetz des menschlichen Wohls verstanden. Die gegenwärtigen Zoologen erforschen die Tiere und haben der Welt viel Wertvolles gegeben, aber noch niemand hat die tiefen Ursachen ergründet, die die Tierarten schufen. Warum zum Beispiel manche Tiere Hörner haben und andere nicht; warum manche kriechen und andere auf vier Beinen gehen; warum manche Fleisch fressen und andere grasen; warum ihnen eine menschliche Intelligenz vorenthalten blieb. Dabei gibt es dafür tiefe und grundlegende Ursachen und es ist nicht so willkürlich, wie manche denken. Wenn die Menschen diese tiefen Gründe begreifen, gelangen sie zu jener vernünftigen Philosophie, auf der sich die künftige Gesellschaft aufbauen wird – "die Morgenröte der neuen Zivilisation".

Die ganze gegenwärtige Zivilisation beruht auf den Auffassungen des Pharisäers – sie ist eine pharisäische Zivilisation. Diese Zivilisation, wo sich die Menschen durch Form, Äußeres und Benehmen voneinander unterscheiden, entstand in der fernen Vergangenheit Ägyptens, Indiens, Babyloniens, Chinas, Persiens, Judäas, Griechenlands und Roms. Heute besteht sie auch in Europa, gehüllt in einen schönen christlichen Mantel. Ich sage nicht, dass diese Zivilisation in ihren Grundlagen etwas Schlechtes ist. Aber ich sage, dass die Form immer einen gewissen Inhalt haben muss; sonst bleibt sie eine bloße Schale, wo nur Parasiten leben können. Man sagt: "Er hat wunderbare Augen". Na und? "Sie sind schön". Worin besteht ihre Schönheit? "Nun, sie glänzen, sind angenehm". Worin genau sind sie angenehm? – Die Nase von jemandem sei schön, regelmäßig. Worin besteht ihre Schönheit? Sein Mund sei schön, richtig geformt. In welcher Beziehung? Die Menschen haben über bestimmte Dinge Ansichten, die wir nicht ausdrücken können, und zwar, dass es gewisse geheime Kräfte in den schwarzen oder blauen, in den aschgrauen, grünlichen oder braunen Augen gibt. Wenn ein Mensch etwas mit schwarzen Augen betrachtet, verursacht er einen gewissen Gedanken; wenn er mit braunen Augen blickt, verursacht er eine gewisse Stimmung usw. Menschen mit blauen Augen sind kühl. Sie sind rein wie ein klarer Himmel, doch kühl und kalt. Solche Menschen sind nicht für die Erde geschaffen. In ihnen ist der Glaube vorhanden, doch wurden sie vorzeitig geboren. Vielleicht sind sie Menschen, die erst jetzt hierher kommen. Ich spreche von jenen blauen Augen, die ein Ausdruck des Himmels sind. Der Überlieferung nach soll Christus solche Augen gehabt haben.

Da behauptet man von jemandem: "Sein Mund ist schön wie eine Rose". Was ist der Mund? Er ist ein Ausdruck des menschlichen Herzens – ob der Mensch ein weiches oder hartes Herzen hat, – der Mund zeigt, inwieweit der Mensch intensiv und offenherzig ist. Bei Leuten, die einen guten Appetit haben, bemerkt man, dass die Lippen dicklich sind. Das ist ein physiologisches Gesetz. Es strömt mehr Blut zu, deshalb sind sie dicklich und rot. Wenn diese Menschen vom Essen kosten, sagen sie: "Hm, das schmeckt gut" und ihr Gesicht erleuchtet ein feines, kaum wahrnehmbares Lächeln. Es verkündet, dass in ihren Seelen diese Stimmung herrscht.

Wenn wir einen Menschen mit schöner Nase betrachten, ist sie ein Ausdruck der menschlichen Intelligenz und des menschlichen Verstandes. Ob die Nase gerade oder krumm ist, ob sie vom römischen oder griechischen Typ ist – das hat einen tieferen Sinn. Das Äußere des Gesichts ist nicht bedeutungslos, außerdem ist es auch ein Ausdruck des äußeren Lebens des Menschen. Wenn wir uns in ein menschliches Gesicht vertiefen und sehen, dass es asymmetrisch ist, dass eine seiner Augenbrauen nicht wie die andere ist – die eine mehr entwickelt und die andere vorspringender – so zeugt das von einer gewissen Unausgeglichenheit. Wenn ihr eine Gerade zieht, könnt ihr euch vergewissern, ob eure Nase richtig steht. Die Nase ist ein Barometer, ein Wärmezähler, der anzeigt, in welchem Zustand sich euer Verstand befindet. Wenn Lokomotivführer eine Lok fahren, gibt es ein Gerät, das den Druck im Dampfkessel angibt. Nach seinen Angaben wirft man entweder mehr Kohle für mehr Dampf ein oder man lässt, wenn zuviel davon ist, Dampf ab. Habt ihr mal versucht, wie Maschinisten, nachzuprüfen, in welchem Zustand sich euer Dampf – euer Herz – befindet? Dafür hat euch Gott mit einer Nase versehen. Stellt euch vor den Spiegel und fragt euren Verstand. Er wird euch erzählen, wie es um euer Herz bestellt ist.

Wenn man eure Augen betrachtet, sieht man in welchem Zustand sich eure Seele befindet. Das Einzige, was niemals lügen und heucheln kann, sind die Augen. Deshalb verschließt der Mensch, wenn er lügen will, die Augen oder verdeckt sie mit der Hand. Dem Kind ist bewusst, dass die Mutter seine Lüge erkennen wird, wenn sie es ansieht und es verdeckt deshalb die Augen mit der Hand.

Während der Pharisäer betete, sah ihn Christus an und sagte ihm: "Deine Seele ist getrübt, deine Urahnen haben kein so reines Leben gelebt, wie du es dir vorstellst. Du meinst, dass du nicht wie die anderen Menschen bist, aber in der Vergangenheit bist du es gewesen und auch jetzt bist du nicht weit von ihrem Niveau entfernt". Wie man diese Tatsache auch auslegt – ob nach der Lehre der indischen Philosophen von der Reinkarnation oder nach der Lehre der ägyptischen Weisen von der Transmigration, oder nach der Lehre der Kabbalisten und Okkultisten von der Emanation (d.h. vom Ausströmen/Ausstrahlen) und von der Vervollkommnung des Geistes, oder nach der modernen genetischen Lehre – das ist einerlei. Diese Lehren und Theorien sind nur Hilfsmittel, damit wir uns einiges besser erklären können, damit für uns die Ereignisse im menschlichen Leben klarer und verständlicher werden. Jedoch bleibt das Grundprinzip, das allen Dingen zugrunde liegt, immer ein und dasselbe, unabhängig davon, wie wir seine Ausdrucksweisen erklären und auslegen. Das große Gesetz der Ursachen und Folgen, der Taten und Vergeltungen, lügt niemals. Es sagt immer die absolute Wahrheit. Wenn du gut bist, steht im Buch des Lebens geschrieben, dass du gut bist. Wenn du schlecht bist, steht im Buch des Lebens, dass du schlecht bist. Wenn du die Wahrheit sprichst, ist im Buch des Lebens verzeichnet, dass du die Wahrheit gesprochen hast. Wenn du lügst, steht geschrieben, dass du gelogen hast. Wenn du deinen Nächsten hilfst, wenn du dich für dein Volk aufopferst, wenn du zum Wohle der Menschheit arbeitest und Gott mit Liebe dienst, so ist all das im Buch des Lebens verzeichnet. Wenn du deine Nächsten bedrängst, dein Volk verrätst, die Entwicklung der Menschheit behinderst und Gott untreu bist, so steht auch das im selben Buch. Das Gesetz schreibt erbarmungslos seine Aussagen über die menschlichen Handlungen: auf die Stirn, auf die Nase, auf den Mund, ins Gesicht, auf den Kopf, auf die Hände, auf die Finger und auf alle anderen Teile des menschlichen Körpers – jeder Knochen ist ein Zeugnis für oder gegen uns.

Und diese Geschichte des menschlichen Lebens lesen wir jeden Tag. Auf ihren früheren Seiten steht das Leben aller unseren Vorfahren: über manche von ihnen steht geschrieben, dass sie furchtbare Verbrecher, Diebe und Räuber gewesen sind. Wenn wir die Seiten durchblättern und die Linie verfolgen, von der Abraham, Isaak, Jakob, David, Salomo und viele andere abstammen, finden wir dort ihre Handlungen vollständig ausgedruckt. Von Abraham lesen wir, dass er ein gerechter, sehr kluger, weitherziger Mensch war, ein Mensch mit großem Glauben und erhabenem Geist. Er war mit der tiefen Weisheit der göttlichen Verordnungen für die große Zukunft der Menschheit vertraut. Von Jakob lesen wir, dass er ursprünglich ein doppelzüngiger, listiger und selbstsüchtiger Mensch war, dem es durch Lüge und Betrug gelang, seinem Bruder das Erstgeburtsrecht zu nehmen. Und erst um sein dreiunddreißigstes Lebensjahr herum tritt eine Wende in ihm ein: Nachdem er seinem Onkel Laban für seine zwei Töchter vierzehn Jahre lang gedient hat, vollzieht sich in ihm eine Wende zum Guten. Von David wissen wir, dass er ein tapferer, entschlossener Mensch mit einem ausgezeichneten angeborenen und poetischen Verstand war, doch er hatte eine besondere Schwäche für schöne Frauen. Durch Betrug eignete er sich die Frau von Uria an. Von diesem Tag an begannen seine Heimsuchungen. Und der mutige Prophet Nathan hat nicht gezögert, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen und ihm die schlechten Folgen aufzuzeigen, die dieses Gesetz über ihn in sein Buch für die Nachkommenschaft schreiben wird. Von Salomo wird behauptet, dass er einen ausgezeichneten philosophischen Verstand, ein gutes, aber verdorbenes Herz mit außerordentlich starken Gefühlen und Leidenschaften, eine große Ruhmsucht und einen schwachen Willen besaß. Er soll ein erstklassiger Epikureer im Essen und Trinken und in den Vergnügungen mit Weibern gewesen sein.

Christus war das bekannt. Er wusste, wie sein Stamm gelebt hatte und als ihm die Menschen sagten: "Guter Meister", widerspricht er ihnen: "Warum nennt ihr mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen." Er will damit sagen: "Die Familie, aus der ich stamme, ist nicht so edelmütig, wie ihr meint. Denn Gott hat ein anderes Maß, das sich euch entzieht. Er verlangt in jeder Hinsicht vollständige Reinheit. Viele aus dieser Familie haben nicht so gelebt, wie es dem wahren Gott, dessen Willen ich erfülle, recht gewesen wäre". Eben deshalb wandte er sich an den Pharisäer und sagte ihm: "Du belügst sowohl dich selbst als auch die Leute und Gott. Viele deiner Vorfahren haben Verbrechen begangen und deshalb hast du kein Recht zu sagen: 'Ich bin nicht wie jene'. Und weil keine Demut in deiner Seele herrscht, kann dein Gebet nicht angenommen werden und auch du kannst nicht freigesprochen werden. Ihr, Pharisäer, habt das Gesetz Gottes entstellt, indem ihr die Heuchelei als Schleier darauf gelegt habt. Hört auf, euch als jemand auszugeben, der ihr nicht seid, denn Gott ist nicht ein Mensch, der sich vom Äußeren irreführen lässt; er sieht euer Herz und nach ihm urteilt er über euch."

Jetzt betrachte ich den anderen Typ, den Zöllner. Da haben wir einen Menschen von mittlerer Größe, dicklich; die Beine ziemlich kurz, die Arme – dick, die Finger auch dicklich und spitz; das Gesicht – rund; das Verdauungssystem – ausgezeichnet entwickelt, er mag das reichliche Essen und Trinken. "Mir steht einen langen Weg bevor und ich muss Nahrung haben" – so philosophiert er und deshalb wird er Steuereinnehmer: von hier erbettelt er etwas, von dort nimmt und entwendet er etwas – so füllt er seinen Sack. "Du handelst wie ich, also entschuldige, vielleicht hältst du es für Diebstahl, aber ich brauche das. Wenn du es mir nicht geben willst, dann nehme ich es mir mit Gewalt oder ich stehle es". Wie gesagt: Der Zöllner hat ein rundliches Gesicht, dicke Augenbrauen, ein breites Unterkinn - was er auch unternimmt, beendet er mit Erfolg. Er ist im Alter von 40 bis 45 Jahre. Er hat einen Bart mit schwarzen buschigen Haaren, auch Schnauzer dazu – das Zeichen großer Hitze; die Nase ist entwickelt, ziemlich kurz, dick, mit breiten Nasenflügeln – das Zeichen eines guten Atmungssystems. Das ist ein Mensch der Gefühle, impulsiv wie ein Kind, immer kann er seine Freude äußern. Nach einem halben Liter Wein kann er springen und sich freuen; wenn er ausgenüchtert ist, beginnt er zu klagen, dass seine Frau krank sei. Die Schläfen sind stark entwickelt; die Ohren sind ziemlich groß, fast wie die von Tolstoj, eben wie die eines Menschen, der sowohl stiehlt, nimmt aber auch gibt. "Mein Vater und meine Mutter haben die andern bestohlen, nun beschenke ich sie, ich erweise ihnen Wohltaten, damit Gott uns unsere Sünden vergibt". Seine Augen sind braun oder weinfarben – das Zeichen einer natürlichen Weichheit und Gutmütigkeit, die nur auf ihre Zeit wartet, um sich zu äußern. Der Kopf ist gleichmäßig entwickelt wie dieser des Sokrates. Er besitzt ein ausgezeichnet entwickeltes Gefühl für Haus und Gesellschaft, auch ein stark entwickeltes religiöses Gefühl, empfindet Barmherzigkeit, hat eine richtige Auffassung vom Leben, einen ausgezeichneten Verstand, dem Sophistik fremd ist, ein stark entwickeltes Gewissen, das ihm seine Fehler zeigt, und er schämt sich nicht sie zu beichten – sowohl vor Gott als auch vor den Menschen und vor sich selbst. Er hat keine übertriebene Ansicht von seinem Edelmut. Zwar hat er eine Religion, aber in ihr waltet die Gestalt des "guten" Gottes und nicht seine eigene. Immer ist er überzeugt, dass ihn dieser gute Gott ans Licht bringt. Ihm glaubt er mehr als sich selbst. Seine Philosophie ist richtig: Er vergleicht sich nicht mit unter ihm stehenden Dieben und Gaunern, sondern sagt: "Gott, wenn ich dich, die Engel und die Heiligen betrachte, was bin ich dagegen? Ich muss mich höher erheben und dir ähnlich werden. Ich bin ein Sünder; aus meinen Urahnen, Ahnen und mir sind keine Menschen geworden; ich fresse und trinke, bin wie ein Schwein geworden. Vergib mir, dass ich das Wohl, das du mir gegeben hast, nicht nutzen kann".

Und was sagt Christus? Dieser Mensch, der seine Fehler einsieht, hat ein erhabenes Ideal. Eines Tages wird er den Pharisäer übertreffen. Wie kann das sein? Die reichen Menschen verlassen sich nur auf ihre Renten oder auf ihr Einkommen, sie arbeiten nichts, sondern reden nur leere Worte über die Politik und über das öffentliche Leben. Andere, die morgens früh aufstehen, zehn Stunden pro Tag arbeiten, erleiden einen Misserfolg nach dem anderen im Leben, aber sie bleiben konsequent und erwerben nach Jahren Kenntnisse und werden zu angesehenen Menschen.

Nun, mit Verlaub, unter euch gibt es beide Typen. Aber weil Christus beide entgegengesetzten Pole beschreibt, sage ich euch: nehmt das Gute von dem einen und vom anderen Charakter zugleich und schafft den gemeinsamen, edelmütigen, pharisäischen und zöllnerischen Charakter. Schafft den dritten Typus, den des Christen, des neuen Menschen. Das ist mein Gedanke.

Ihr meint: "Bin ich so sündig in meinem Leben, dass ich ein Pharisäer sein kann? Du beleidigst mich". Ich sage euch eine Wahrheit. Wenn ein Unglück in eurem Leben geschieht, sagt ihr: "Gott, warum kam dieses Unglück? Es gibt andere, die größere Sünder sind als ich". Seid ihr dann nicht wie der Pharisäer, ein Mensch, der mit Gott streitet? Gott wird euch sagen: "Du bist sehr gerecht, aber weißt du, wie viele Scheußlichkeiten deine Ahnen angerichtet haben, denen du mal ein Partner warst? Hier hast du einen Wechsel, unterschrieben vor vielen Jahren, du musst ihn begleichen". – "Ich erinnere mich aber an nichts." -" Das bedeutet gar nichts. In meinem Buch ist der Wechsel notiert. Das Buch lügt nicht".

Kommt ein Unglück über euch, dann dankt mit den Worten: "Es ist gering". Dann werdet ihr wie der Zöllner sein. Und Christus wird euch sagen: "Ihr kommt in das Haus des Vaters".

Manchmal verurteilt ihr die Pharisäer: "Sie sind heuchlerische Menschen". Ihr verurteilt diese Menschen, aber wisst ihr, dass ihr die Pharisäer von heute seid? Zieht eine Lehre aus dem Charakter dieses Pharisäers, um seine schlechten Züge nicht zu bekommen, oder, wenn ihr diese besitzt, um sie auszurotten, damit ihr nicht den Weg des negativen Lebens begeht. Was einmal deine Großeltern und Eltern alles besessen haben, das nützt euch nichts.

Ihr kennt das Märchen von den Gänsen, die jemand zur Stadt trieb. Die Gänse sagten dem Wanderer:

"Wie unverschämt ist dieser Herr! Er treibt uns wie einen Schwarm. Er weiß nicht, dass unsere Urahnen einst Rom befreit haben".

"Und ihr – was habt ihr getan?", fragte der Wanderer.

"Nichts".

"Dann habt ihr verdient, in den Kochtopf zu kommen."

Euer Großvater und euer Vater sind große, edle Menschen gewesen, aber ihr – was seid ihr? Wenn du keinen edlen Charakter hast – erwirb ihn! Dein Großvater und dein Vater haben dir vielleicht ein gewisses Vermögen hinterlassen, doch du kannst es ruinieren und verlieren.

Selbst wenn wir an die Religion denken, auch da gibt es religiöse Pharisäer: "Ich bin von der orthodoxen Kirche", "ich bin von der evangelischen Kirche", "ich bin von der katholischen Kirche", "ich bin ein Freidenker". – "Es freut mich, dass du orthodox, evangelisch, katholisch oder frei denkend bist, aber hast du die edelmütigen Züge von Jesus?" – "Ich habe sie nicht". – "Dann bist du weder ein Orthodoxer noch ein Evangelischer – du bist gar keiner. Erwirb diese Züge, damit du einer wirst". – "Aber ich bin ein Freidenker". – "Hast du die edelmütigen Züge der ehrlichen, frei denkenden Menschen? Unter einem Freidenker verstehe ich einen Menschen, der ein Freund der Wahrheit ist. Wenn du das nicht bist, dann bist du ein erstklassiger Lügner".

Oftmals sagen die Leute: "Du bist ein ausgezeichneter Mensch". In der Gesellschaft von heute versammeln sich Menschen zu dritt, zu viert an einem Ort und beginnen mit Edelmut und Auszeichnungen zu prahlen. Zu dem einen sagen sie: "Wir haben dein Werk gelesen und sind begeistert!" Sobald er sie aber verlassen hat, beginnen sie: "Er ist ein erstklassiger Dummkopf". Geht der zweite, reden sie genauso über ihn. Geht der dritte, dann trifft es auch ihn. Und ist endlich ein einziger übrig geblieben, so sagt er natürlich nichts Schlechtes über sich. Lasst euch nicht davon irreführen, was die Menschen reden, weil sie über euch viel Unangenehmes sagen können. Niemand sagt die Wahrheit. Eure Feinde werden euch sagen: "Du bist ein Gauner, ein Lügner, ein Taugenichts". Sie sagen eher die Wahrheit, als einer, der euch mit "du bist edelmütig" schmeichelt. Du kannst gut sein, aber so sehr auch wiederum nicht. Denk ja nicht, dass du ausgezeichnet bist. Manchmal gehst du aufrecht, fuchtelst mit der Hand und dem Stock herum, als ob du eine große Aufgabe des Archimedes gelöst hättest; du denkst, es gäbe keinen anderen wie dich. Wenn du ein Zöllner bist, sagst du: "Ich werde über die Welt regieren." Christus meint dazu: "Höre, vor vielen Jahren haben deine Ahnen und Urahnen regiert und ich erinnere mich, was dort in meinem Buch geschrieben steht: dass sie Verbrechen begangen haben. Du kannst auch auf diesen Weg geraten, sei nicht selbstgefällig!"

Deshalb dürfen wir, in welcher Lage wir uns auch befinden, nur den Herrgott als Ideal haben. In dieser Welt werden wir auf viele Bitterkeiten stoßen. Wir können einen Freund treffen, der uns liebt und uns so manches sagt, was wahr ist. Ich sage nicht, dass wir alle verdächtigen sollen, Lügner zu sein, nein. Aber wenn euch hundert Menschen loben, sagen euch nur drei unter ihnen die Wahrheit; die andern werden euch die Wahrheit entweder sehr grob oder sehr schmeichelhaft sagen – das sind die zwei Extreme. Dort liegt nicht die Wahrheit sondern im folgenden Mittelweg: indem ihr vom Pharisäer die guten Züge, seinen ausgezeichneten Verstand, seine Auffassung und Ordnung übernehmt und vom Zöllner – seine Barmherzigkeit, die tiefe Religiosität, das innere Bewusstsein, seinen Fehler zu erkennen und das Bestreben, sein Leben zu berichtigen.

Es gibt diese Zöllner und Pharisäer auch in den Familien: der Mann ist ein Pharisäer, die Frau – ein Zöllner. Der Mann, von gehobener Herkunft, reich, schlank, schön – ein "edelmütiger Mensch", wie er im Buche steht, und die Frau aus einer einfachen Familie, ihr Vater und ihr Großvater sind einfache, ungebildete Menschen. Er betrachtet sie und meint: "Weißt du überhaupt, aus welcher Lage ich dich herausgeholt habe?" und sie duckt sich. Es gibt keinen Ausweg für sie – sie wird sich fügen und kochen. Jedes Fingerzucken des Pharisäers, dass sie nicht gut gekocht habe, bringt sie zum Weinen und sie muss sich anhören: "So eine einfältige, schlecht erzogene Frau will ich nicht; so einen Zöllner dulde ich nicht in meinem Haus".

Irgendwo anders ist die Frau ein Pharisäer und der Mann ein Zöllner. Sie stammt aus einer reichen Familie, ihr Vater hat ihren Mann, der bei ihm Lehrling war, in eine hohe Stellung erhoben. "Weißt du nicht mehr, mit welcher Gunst ich dich geheiratet habe? Du weißt dich nicht zu kleiden, wie du die Krawatte umbinden und dir die Nase putzen sollst". Widerliche Formalisten sind diese Pharisäer, wenn sie etwas aufzählen.

Jetzt müssen alle beide, sowohl der eine als auch der andere, ihr Leben berichtigen. Als Christus sagte, dass der Zöllner mehr als der Pharisäer gerechtfertigt sei, so meinte er damit, dass, obwohl auch der Zöllner nicht ganz im Recht sei, er jedoch in seinen Gedanken über das Leben und über die Gottesordnung eine bessere Auffassung als der Pharisäer vertrete. Christus meinte, dass sich dieser Zöllner eines Tages auf einer viel höheren Stufe als der Pharisäer befinden wird. Wenn ihr nicht demütig und sanft werden wollt, so wird euch Gott demütigen, weil er die Stolzen erniedrigt und die Demütigen erhebt. Stolz und Demut sind die Synonyme dieser zwei Menschentypen, des Pharisäers und des Zöllners.

Ihr wisst nicht, was in der Zukunft passieren wird. Alle eure edelmütigen Züge und alle eure Ahnen und Urahnen können euch nicht retten. Vor Jahren ging in England, – wenn ich mich nicht irre, in London, – einer der reichsten und angesehenen Engländer in seine Schatzkammer um seine Schätze zu betrachten, und machte ganz zufällig die Tür hinter sich zu, wobei er den Schlüssel außen stecken ließ. Nachdem er seinen ganzen Schatz angeschaut und sich an ihm erfreut hatte, wollte er hinausgehen, doch ihm wurde klar, dass er eingesperrt war. Er saß dort ein, zwei, drei Tage fest, um ihn herum Gold, ein riesiger Reichtum, aber er konnte weder heraus noch jemanden herbeirufen. Schließlich war er gezwungen, an diesem Ort seinen Geist aufzugeben; dabei hinterließ er folgenden Zettel: "Wenn mir jemand auch nur ein Stück Brot gegeben hätte, hätte ich ihm die Hälfte meines Schatzes überlassen".

Sollte es euch eines Tages passieren, wie dieser Reiche in den Kellergewölben eurer edelmütigen Ahnen und Urahnen eingeschlossen zu sein, kann euch ein Stückchen Brot retten. Deshalb sagt Christus: "Das Brot kann euch retten, und nicht diese Sachen, um die ihr kämpft". Und wisst ihr, dass viele Menschen so sterben, in sich verschlossen? Verzweifelte Menschen begehen Selbstmord. Und wer nimmt sich das Leben? Nicht Zöllner begehen Selbstmord, sondern immer nur Pharisäer. Dichter, Künstler und Staatsmänner sagen: "Uns wusste die Welt nicht zu schätzen, sie konnte unsere Schriften, Werke und Bilder nicht würdigen", und begehen Selbstmord. Immer wieder sind es die Pharisäer, diese edelmütigen Denker mit den gleichmäßig geformten Gesichtern und roten Bärten, die allgemein Selbstmord begehen.

Die Pharisäer in Bulgarien haben keine roten Bärte, hier ist die Rede von den jüdischen Pharisäern, diese beschreibe ich. Unsere hätte ich anders beschrieben. Auch die bulgarischen sind ihnen ähnlich, doch sie unterscheiden sich in etwas von ihnen. Da es aber nicht um die bulgarischen sondern um jüdische Pharisäer geht, so folgert selbst über die bulgarischen und sucht diese Typen. Wie sollt ihr sie suchen? Das Ziel meines Vortrags ist, dass ihr das Gehörte in der Praxis, in eurem Leben anwendet.

Die heutigen Menschen predigen, dass der Mensch, um Erfolg zu haben, einen starken Willen haben muss. Der Wille hat eine dreifache Dimension – erstens kann er Eigenwilligkeit sein; zweitens ein Wille, der sich nur auf unsere Interessen und auf die Interessen unseres Volkes bezieht und drittens ein Wille, der nicht nur auf die Interessen unserer Gesellschaft und unseres Volkes gerichtet ist, sondern auch auf die Interessen des Menschen und Gottes. Dieser letzte Wille, der in sich alle unseren Verpflichtungen dieser Welt gegenüber umfasst; ein so starker Wille, dass es keine Kraft gibt, die uns von unserer Pflicht ablenken kann – das ist ein guter Wille. Ein Wille, für den Ruhm Gottes und der Menschheit, für dein Volk, dein Haus und auch für die Entwicklung deines Charakters zu arbeiten – das ist ein richtiger Wille. Manche sagen: "Du musst einen edelmütigen Verstand haben". Ein Verstand, mit dem man seine Beziehung zu Gott begreift, ein Verstand, der damit beschäftigt ist, im Leben erhabene Gedanken in die Tat umzusetzen – das ist ein edler Verstand. Ihr habt alle Voraussetzungen dafür. – "Aber meine Nase ist nicht so, wie ich sie mir wünsche". – Sie entwickelt sich noch. Seht mal jene kleinen Vögelchen in ihren Nestern, die noch keine Federn haben, wie sie auf ihre Mutter warten und wenn sie auftaucht, sperren sie ihre Schnäbelchen auf und piepsen: "tschirrrk!", und hopp, ihre Mutter stopft ein Würmchen ins Schnäbelchen. Zwanzig Mal am Tag: "tschirrrk!" und wieder sperren sie die Schnäbelchen auf. Je mehr diese Vögelchen mit "tschirrrk!" bitten, desto mehr Würmchen fallen in ihre Schnäbel. Nun beginnen ihnen Flügel zu wachsen und schließlich fliegen sie auf.

Demselben Gesetz müsst auch ihr folgen – den Mund aufmachen, d.h. beten. Wenn ihr ihn nicht öffnet, seid ihr Pharisäer, und Christus wird euch sagen: "Die Welt, das Gottesreich und die Zukunft sind nicht für euch". Das wollte Christus sagen. Es gibt Menschen, die ihren Mund nicht gern öffnen, sie schweigen nur. Ich verstehe, dass man schweigt, die Frage ist nur wann. Wenn man zornig ist, wenn man einen Menschen beleidigen will oder wenn man ihn beneidet. Aber wenn man heiter ist, wenn ein tröstendes Wort gesagt werden muss, dann öffnet den Mund und sprecht es aus. Öffnet ihr den Mund, wenn ihr die Kinder erzieht? Das ist die Frage, die vor euch steht. Ihr erzieht eure Kinder, wie die Pharisäer: Sie sollen das Geschirr nicht berühren, um sich nicht schmutzig zu machen, sie sollen noch nicht einmal ihre Hände ins Wasser tauchen – ihre Mutter wird das Geschirr abwaschen. Der Vater soll ihnen neue Schuhe, Uhren und Uhrketten kaufen. Der Vater wird zum Diener dieses Pharisäers. Wenn der Vater am Abend heimkommt, verziehen sie ihre Gesichter: "Wir wollen schon bald dies, wollen jenes", und er gibt nach. Warum sagte Christus: "Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern". Zu Hause, bei unseren Kindern und auch in den Kirchen äußern wir diese Züge der Pharisäer und wundern uns, warum die Zeit des Gottesreiches nicht anbricht. Obendrein machen wir noch Vorwürfe: "Schlechte Welt, schlechte Gesellschaft, unmögliche Geistliche, schlechte Lehrer, schlechte Regierende". Wir aber sind – Heilige! Auch du bist so wie jene, die du tadelst. Hör auf damit und lass das, denn deine Mutter ist bei dir und wenn du "tschirrrk!" sagst, hopp, bekommst du Nahrung.

All das scheint euch lächerlich vorzukommen, doch das sind große Wahrheiten, Kleinigkeiten, aus deren Beispiel wir eine Lehre ziehen müssen. Im Vergleich zum himmlischen Leben sind wir arme Schlucker und Gott schickt uns immer wieder die Mutter mit diesen Würmern. Begrüß deine Mutter, weil sie dir Nahrung bringt. Wie viele Orte hat sie durchwandert, bis sie einen Wurm gefunden hat! Wie können wir Gott danken, der jeden Tag an uns denkt und uns Nahrung liefert? Jeden Morgen sollten auch wir "tschirrrk!" sagen, d.h. zu ihm beten. Wisst ihr, was dieses "tschirrrk!" bedeutet? Es hat einen tiefen Sinn. Was beinhaltet dieses "tschirrrk!"? Wenn ihr das wüsstet, würdet ihr die Worte kennen, mit denen der Himmel spricht. Ein sehr kurzes Wort, aber inhaltsreich. Ihr seid im Tempel; Christus wendet sich an euch und fragt euch: "Wie betet ihr, wie dieser Pharisäer oder wie der Zöllner? Wie geht ihr in die Welt und beginnt eure Arbeit, wie der Pharisäer oder wie der Zöllner? Auch ihr seid aus dem gleichen Schlamm gemacht". Christus will uns damit sagen, dass wir keine Pharisäer sein sollen. Mir brummt der Kopf von diesen Pharisäern. Wenn es etwas in der Welt gibt, was stört, so sind es diese Pharisäer. – "Aber da gibt es jemanden, der hat diese Züge". – Das weiß ich, aber was soll ich tun? Warte mal, lass mich erst einmal mich selbst reinigen und dann die Menschen. Warte, lass mich meine eigenen Läuse beseitigen und dann die der anderen. Denn sonst wird jener, der weniger Läuse hat als ich, von meinen Läusen befallen, wenn ich zu ihm gehe. – "Aber er muss umerzogen werden". – Warte mal, lass mich zuerst einmal mich selbst erziehen. – "Aber ihr müsst predigen". – Wenn ich zu früh zu predigen anfange, werde ich die Menschen irreführen. – "Tritt heraus und sage das und das". – Was soll ich sagen? Soll ich die Menschen belügen? Wenn du heraustrittst, musst du die große Wahrheit sowohl mit Worten als auch mit deinem Leben ausdrücken. Das hat Christus gemeint. Wenn wir zu lernen anfangen, müssen wir gleichzeitig mit Worten und mit unserem Leben arbeiten.

Mir gefallen jene gegenwärtigen Lehrer sehr, die, wenn sie ein Fach unterrichten, Physik oder Chemie, sofort mit Experimenten beginnen: Sauerstoff erhält man so, jenes entsteht so. Man betritt die Tischlerei – der Meister unterrichtet Theorie und Praxis. Man betritt die Schneiderwerkstatt – dort geschieht das Gleiche. Christus sagt den Christen: "Tretet ein und nehmt euere Messlatte und die Schere". Einige müssen mit der Nadel beginnen und erst dann bekommen sie die Schere. Was für eine Schere ist das? Das ist eure Zunge. Wenn ihr zuschneidet und zu nähen beginnt, gibt es keine schönere Schere als eure Zunge. Wenn ihr drauflos schneidet ohne nachzudenken, ist eure Schere fehl am Platz. "Müssen wir nicht reden?" Man muss, doch am rechten Platz. Denn wenn ihr nicht am rechten Platz redet, wenn ihr drauflos schneidet, ohne nachzudenken, verpfuscht ihr den Stoff.

Das alles sage ich nicht zur Entmutigung. Ich will nicht sagen, dass ihr geborene Pharisäer seid, sondern, dass ihr die Anlage zum Pharisäer habt. Alle haben sie. Und es ist gut, dass ihr sie bis zu einem gewissen Grade besitzt. Wenn ihr aber sagt: "Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen bin", dann ist der Pharisäer in euch stark und ihr könnt euch nur schwer von ihm befreien. Er lebt im Hinterkopf, im Scheitel, in den Ohren, im Kopf, in der Nase, im Augeninnern. Wo findet ihr diesen Pharisäer? In allen euren Gesichtszügen und Handlungen.

Also, jetzt fragt uns Christus: "Wie schicken wir unser Gebet richtig an Gott?" Dieses Gebet begreift er im weiten Sinne – zugunsten des gesellschaftlichen Lebens. Manche denken, dass man ein echtes Gebet nur in einer Kirche verrichten kann. Überprüft, ob dieses Gebet, das ihr in der Kirche verrichtet, eine gewisse Beziehung zum Familienleben hat, ob es euch helfen kann? Und diese Kirche müsst ihr erst einmal finden. Wo ist sie? Der Lehrer bringt den Schülern zuerst bestimmte Elemente bei und lässt sie dann selbständig die Aufgabe lösen, die Verhältnisse eines bestimmten Gesetzes finden. An einer Stelle in den Apostelbriefen wurde gesagt: "Ihr seid Gottes Tempel". Wenn wir Gottes Tempel sind, wie müssen wir dann, wenn wir in unser geheimes Kämmerchen vor Gott gehen, dort eintreten? Wenn wir es wie Pharisäer tun, sagt uns Christus: "Ihr habt euer Ziel nicht erreicht". Wenn wir es wie der Zöllner tun und unsere Fehler eingestehen und versprechen, sie zu berichtigen, dann werden wir Erfolg haben und Christus Antwort hören: "Du bist freigesprochen, du hast eine Zukunft".

Vielleicht findet der Lehrer im Heft viele Fehler, doch der Schüler darf nicht sagen: "Wie kleinlich er ist – nur drei Fehler!" Der Lehrer kann das Heft beschmutzen, kann 4-5 Wörter durchstreichen und der Schüler meint dann: "Er hat mein Heft verpfuscht". Ja, aber wenn du vollkommen sein willst, musst du ihm dankbar sein, dass er dich auch auf diese Fehler hingewiesen hat, weil sich aus diesen drei Fehlern viele weitere ergeben können. Berichtige sie, lass sie nicht so stehen, weil der Fehler wie eine Laus ist: wenn du nur eine zurücklässt, kann sie sich in einer Woche tausendmal vermehren. Ein Fehler genügt um den Menschen an den Pranger zu stellen. Es genügt laut demselben Gesetz eine Tugend, um euch in den Himmel zu erheben und euch unter die Engel zu bringen. Schafft die Bedingungen und wenn eine Tat falsch ist, wird sie euch erniedrigen; wenn sie tugendhaft ist, wird sie euch erheben. Folglich berücksichtigt sowohl eine einzige Tugend als auch einen einzigen Fehler. Wenn einem, der ein lasterhaftes Leben geführt hat, eine einzige Tugend verblieben ist, dann ist sie jenes dünne, ins stürmische Meer des Lebens geworfene Seil, mit dessen Hilfe er, wenn er es packt, das Festland erreichen kann. Entsprechend ist der letzte Fehler, der übrig bleibt, sehr schlecht und kann den Menschen ebenso zugrunde richten wie die letzte Tugend sehr stark ist und den Menschen retten kann. Sie sind es, die unser Leben verändern können. Das ist ein Gesetz. Deshalb sagte Christus: "Seid nicht nachlässig".

Der Pharisäer hatte edelmütigere Züge als der Zöllner; er stand in vieler Hinsicht höher als dieser, aber er hatte einen letzten Fehler – den Stolz, der ihn in die Hölle bringen konnte. Der Zöllner war ein großer Sünder, aber ihm war eine letzte Tugend geblieben – die Demut, und er sagte: "Ich werde für meine Rettung arbeiten". Dafür hat ihn Gott gesegnet, denn der Zöllner hatte die Hoffnung sich in Zukunft zu verbessern.

Heute Morgen frage ich euch: Wo seid ihr – bei eurem letzten Fehler oder bei eurer letzten Tugend? Wenn ihr bei eurem letzten Fehler seid, bemitleide ich euch: Passt auf, ihr befindet euch an einer gefährlichen Stelle im Leben. Wenn ihr bei eurer letzten Tugend seid, befindet ihr euch an einer zuverlässigen Stelle und wohl euch! – ihr seid auf einem sicheren Felsen. Haltet euch an dieser letzten Tugend fest und Christus wird mit euch gehen.

Aus dem Bulgarischen übersetzt von Stefanka Atanassova

Lektorat: Angelika Todorov

Alle Mitglieder unseres Übersetzerteams arbeiten auf freiwilliger Basis und unentgeltlich. Wir wären für jegliche Unterstützung dankbar, besonders beim Redigieren, Veröffentlichen, bei der Herausgabe und dem Vertrieb dieser Texte.

[1] Luther Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1991

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